Podiumsdiskussion: Die Kandidaten lassen keinen Streit aus

Presseecho


SPD-Bundestagskandidat Peter Fischer während der Podiumsdiskussion am 16.09 im Konzerthaus Trossingen.

Gränzbote, 18.09.09

TROSSINGEN - Ausgesprochen lebhaft ist die Podiumsdiskussion unserer Zeitung mit allen fünf Kandidaten am Mittwochabend vor über 200 Besuchern im Trossinger Konzerthaus verlaufen (wir berichteten). Es wurde überaus deutlich, wie sehr sich die fünf Politiker unterscheiden und welche Alternativen die Wähler haben.

Von unserem Redakteur A. Lothar Häring

Ernst Burgbacher (FDP), gemeinhin ein Ausbund an Harmonie, platzt plötzlich der Kragen. Ein Stichwort reicht: die FDP als „Partei der Besserverdienenden“. „Ich kann dieses Geschwätz nicht mehr hören, das ist nur noch dumm“, bricht es ungewohnt heftig aus ihm heraus. Burgbacher hat an diesem Abend ein Heimspiel und er kämpft leidenschaftlich.

Volker Kauder (CDU), der sich seit Jahren Gelassenheit verordnet, kann nicht mehr an sich halten, als SPD-Kontrahent Peter Fischer über den „katastrophalen Verkehr“ in der Immendinger Ortsdurchfahrt klagt. Es sei die SPD gewesen, die seinen Antrag, die Umfahrung Immendingen in den vordringlichen Bedarf hoch zu stufen, abgelehnt habe, poltert Kauder in selten aggressivem Tonfall. Deshalb seien Fischers Krokodilstränen völlig fehl am Platz. Es ist der Abend, an dem neue Umfragezahlen bekannt geworden sind, die der CDU einen Absturz verheißen. Kauder hat es auch aus anderen Gründen nicht einfach bei dieser Podiumsdiskussion.

Max Burger (Grüne), der für sich Friedfertigkeit reklamiert, schwillt der Kamm über Kauders Aussagen und Auftreten immer mehr, beim Thema Immendingen wird es ihm dann zu viel: Aus Protest verlässt Burger das Podium – allerdings nicht lange. Ihm ist es dann doch wichtig, diesen Abend zu nutzen und die grünen Positionen zum Thema Verkehr unters Volk zu bringen. Ansonsten fällt Burger mehr dadurch auf, dass er andere attackiert, besonders gerne Kauder und Burgbacher.

Peter Fischer (SPD), der von sich sagt, er verliere auch dann nicht die Geduld, wenn andere längst entnervt seien, gerät unvermittelt aus der Fassung, als es um das Thema Atomkraft geht. Gerade hat er die Regierungsparteien aufgefordert, ein Endlager zu suchen. Das bringt Ernst Burgbacher erneut auf die Palme, der erregt hinüberruft: „Sie hätten das doch längst machen können, Sie waren doch acht Jahre lang an der Regierung.“ Fischer, der an diesem Abend mit seiner pragmatischen Art durchaus Punkte macht, schreit im allgemeinen Stimmen-Wirrwarr erregt zurück: „Sie noch viel länger.“

Nur Hans-Ulrich Bünger, der Kandidat der Linken, scheint die allgemeine Aufregung unberührt zu lassen. Vielleicht liegt es daran, dass er als 69-Jähriger einer Außenseiter-Partei nichts zu verlieren hat, vielleicht daran, dass er sich als Pazifist und (evangelischer) Christ eine gewisse Gelassenheit angeeignet hat. Vielleicht geben ihm auch seine auffallend vielen Anhänger, die an diesem Abend nach Trossingen gekommen sind, Sicherheit. Bünger spricht jedenfalls auch ein großes Wort gelassen aus: Er fordert ein weiteres Konjunktur-Programm mit jährlich 100 Milliarden Euro, er sagt tatsächlich Milliarden.

Unterschiedliche Positionen

Unübersehbar ist an diesem Abend auch, dass nicht nur völlig unterschiedliche Persönlichkeiten auf dem Podium stehen, sondern dass sie auch unterschiedliche Positionen in fast allen Punkten vertreten -- vom Mindestlohn und Afghanistan-Einsatz (siehe gestrige Ausgabe) bis hin zum Gesundheitsfonds. Während Burgbacher hier „das staatlich gesteuerte System“ weitgehend reformieren will, beschränkt sich Kauder auf Korrekturen, die darauf abzielen sollen, Arztpraxen in ländlichen Gebieten wieder attraktiver zu machen. Allerdings müsse man wissen, dass es nicht alleine am Geld liege, betont er.

Was nicht gesagt wird

Beim Thema regionale Infrastruktur ist es vor allem Max Burger, der gegen immer neue Straßen und Stuttgart 21 wettert. Volker Kauder stellt seine Verdienste und seine guten Verbindungen heraus, was Teile des Publikums als anmaßend empfinden. Er will, wie Burgbacher, für die Ortsumfahrungen Spaichingen, Immendingen und Schramberg sowie das schnelle Internet kämpfen. Und beide lassen keinen Zweifel daran, dass Stuttgart 21 entscheidende Auswirkungen auf die Region hat: „Sonst werden wir von den großen Verkehrsströmen abgehängt.“

Interessant ist, was an diesem Abend nicht gesagt wird: Volker Kauder verliert kein Wort über mögliche Koalitionen. Ernst Burgbacher, der vor kurzem noch so zuversichtlich war, beschränkt sich auf ein vages Versprechen: „Nach dem 27. September“, sagt er, „werde ich mich aus der Regierungsposition heraus ganz anders für den Wahlkreis einsetzen können.“ Er hat an diesem Abend Sätze gesagt, von denen er überzeugter wirkte.

 
 

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